Dieser Artikel erschien ursprünglich 2022 mit acht Vorhersagen zur Softwareentwicklung. Vier Jahre später lässt sich nachprüfen, was davon eingetroffen ist: Cloud-Migration, Low-Code-Plattformen, künstliche Intelligenz und automatisierte Auslieferung haben sich wie erwartet durchgesetzt. Bei den anderen vier, Edge Computing, Microservices, Serverless Computing und DevOps, sieht die Praxis 2026 anders aus, als die damalige Prognose nahelegte.
| Trend aus 2022 | Prognose damals | Stand 2026 |
|---|---|---|
| Cloud-Migration | Unternehmen geben eigene Server zugunsten der Cloud auf | Mehrheitlich umgesetzt, vereinzelt holen Firmen wie die Softwarefirma 37signals (bekannt für Basecamp) einzelne Dienste bewusst zurück auf eigene Server, um Kosten zu senken |
| Low-Code und No-Code | Plattformen ersetzen klassisches Programmieren bei einfachen Anwendungen | Laut Gartner entstehen 2026 rund 75 Prozent neuer Unternehmensanwendungen mit Low-Code, gegenüber rund 40 Prozent im Jahr 2021 |
| DevOps | Entwicklung und Betrieb arbeiten in einem gemeinsamen Team | Hat sich zu Platform Engineering weiterentwickelt, eigenen internen Plattformteams, die laut Gartner bis 2026 bei 80 Prozent großer Softwareorganisationen existieren |
| Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen | Unternehmen gewinnen Erkenntnisse aus großen Datenmengen | Generative KI und Programmierassistenten wie GitHub Copilot, mit rund 20 Millionen Nutzern Mitte 2025, gehen weit über die 2022 erwartete Datenanalyse hinaus |
| Edge Computing | Datenverarbeitung wandert von der Cloud direkt an Geräte und Sensoren | Wächst, bleibt aber auf Nischen wie industrielle Sensorik und schnelle Inhalte-Auslieferung beschränkt, statt die Cloud zu verdrängen |
| Microservices | Anwendungen bestehen aus vielen kleinen, unabhängigen Diensten | Weiterhin verbreitet, aber mit sichtbarer Gegenbewegung, etwa bei Amazon Prime Video, das ein eigenes Überwachungswerkzeug 2023 öffentlich zurück in eine einzige Anwendung umbaute |
| Serverless Computing | Entwicklerteams verwalten keine eigenen Server mehr | Etabliert für einzelne Funktionen und Ereignisse, aber keine Ablösung klassischer Serverarchitekturen für ganze Anwendungen |
| Continuous Integration und Continuous Delivery | Software erscheint in kurzen, automatisierten Zyklen | Inzwischen Standardpraxis in den meisten professionellen Entwicklungsteams, kaum noch als eigener Trend wahrgenommen |
Generative KI hat die Vorhersagen von 2022 deutlich überholt
Die Prognose von 2022 ging von künstlicher Intelligenz als Werkzeug für Datenanalyse aus, etwa zur Betrugserkennung oder für Produktempfehlungen. Was seither tatsächlich passiert ist, geht darüber hinaus: Laut dem jährlichen Stack Overflow Developer Survey 2025, einer Umfrage unter Softwareentwicklerinnen und -entwicklern weltweit, nutzen oder planen 84 Prozent der Befragten den Einsatz von KI-Werkzeugen, 51 Prozent der professionellen Programmierer verwenden sie täglich. GitHub Copilot allein kam Mitte 2025 auf rund 20 Millionen Nutzer und Anfang 2026 auf 4,7 Millionen zahlende Abonnements, GitHub zufolge setzen rund 90 Prozent der Fortune-100-Unternehmen das Werkzeug ein. Der Bericht State of DevOps 2025 von DORA (DevOps Research and Assessment) warnt allerdings vor einem Nebeneffekt: KI-Werkzeuge beschleunigen Teams mit sauberer Codebasis um geschätzte 2 bis 18 Prozent, erhöhen aber die Fehlerquote bei Teams, die schon vorher mit technischer Schuld kämpften.
Microservices bekommen eine Gegenbewegung zum Monolithen
2022 galten Microservices, also die Aufteilung einer Anwendung in viele kleine, unabhängig betriebene Dienste, als die logische Weiterentwicklung großer, monolithischer Programme. Das Prinzip ist bis heute verbreitet, hat aber einen bekannten Gegenbeweis bekommen: Das Team von Amazon Prime Video beschrieb 2023 in einem viel beachteten technischen Blogbeitrag, wie es ein internes Werkzeug zur Videoüberwachung von einer verteilten Architektur aus mehreren Microservices zurück in eine einzige Anwendung überführte und die Infrastrukturkosten dabei um rund 90 Prozent senkte. Der Fall ist keine generelle Absage an Microservices, aber eine Korrektur der Annahme, dass mehr Aufteilung automatisch bessere Software bedeutet.
DevOps wurde zu einer eigenen Plattform-Disziplin
Aus der 2022 beschriebenen engeren Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Betrieb ist inzwischen ein eigenes Berufsbild entstanden, das sich Platform Engineering nennt: Teams, die interne Werkzeuge und Selbstbedienungsplattformen bauen, damit andere Entwicklerteams Anwendungen ausliefern können, ohne jeden Schritt der Infrastruktur selbst zu verstehen. Das Marktforschungsunternehmen Gartner geht davon aus, dass bis 2026 rund 80 Prozent großer Softwareorganisationen ein solches Plattformteam betreiben, gegenüber 45 Prozent im Jahr 2022. Dieselbe Forschung zeigt aber auch eine Schwachstelle: Knapp 30 Prozent dieser Plattformteams messen bis heute nicht, ob ihre Arbeit den übrigen Entwicklerteams tatsächlich Zeit spart.
Wer die acht Punkte von 2022 heute liest, erkennt ein wiederkehrendes Muster: Trends, die eine bestehende Aufgabe nur automatisierten, etwa Cloud-Migration oder Continuous Delivery, setzten sich weitgehend wie vorhergesagt durch. Trends, die eine neue Architektur ohne bewiesenen Bedarf einführten, wie Edge Computing oder eine radikale Zerlegung in Microservices, blieben hinter der ursprünglichen Erwartung zurück oder wurden nachträglich korrigiert. Für Teams, die 2026 selbst über eine neue Architektur entscheiden, lohnt sich deshalb die Frage, welches konkrete Problem die Umstellung löst, bevor sie zum nächsten Trend greifen.
Häufig gestellte Fragen
Welche der acht Trends aus 2022 haben sich nicht wie vorhergesagt entwickelt?
Edge Computing, Microservices, Serverless Computing und DevOps entwickelten sich anders, als die Prognose von 2022 nahelegte. Edge Computing blieb auf Nischen wie industrielle Sensorik beschränkt, Microservices bekamen mit dem Rückbau bei Amazon Prime Video eine sichtbare Gegenbewegung, und aus DevOps wurde die eigenständige Disziplin Platform Engineering.
Was zeigte der Fall Amazon Prime Video über Microservices?
Das Team von Amazon Prime Video baute 2023 ein internes Überwachungswerkzeug von einer verteilten Microservices-Architektur zurück in eine einzige Anwendung um und senkte die Infrastrukturkosten dabei um rund 90 Prozent. Der Fall ist keine generelle Absage an Microservices, korrigiert aber die Annahme, dass mehr Aufteilung automatisch bessere Software bedeutet.
Wie stark ist der Einsatz von KI-Programmierwerkzeugen laut aktuellen Umfragen verbreitet?
Laut dem Stack Overflow Developer Survey 2025 nutzen oder planen 84 Prozent der befragten Entwicklerinnen und Entwickler den Einsatz von KI-Werkzeugen, 51 Prozent der professionellen Programmierer verwenden sie täglich. GitHub Copilot allein kam Mitte 2025 auf rund 20 Millionen Nutzer.
Was ist aus DevOps als Trend geworden?
DevOps hat sich zu Platform Engineering weiterentwickelt, eigenen internen Plattformteams, die laut Gartner bis 2026 bei rund 80 Prozent großer Softwareorganisationen existieren sollen, gegenüber 45 Prozent im Jahr 2022. Knapp 30 Prozent dieser Teams messen laut derselben Untersuchung bis heute nicht, ob ihre Arbeit den übrigen Entwicklerteams tatsächlich Zeit spart.
