Wer heute eine Fortbildung am Arbeitsplatz macht, sitzt seltener vor einem starren Kursplan als noch vor zehn Jahren. Viele Unternehmen setzen inzwischen auf eine Learning Experience Plattform, kurz LXP: eine webbasierte Lernumgebung, die Kurse, Videos und Podcasts nach den Interessen und dem bisherigen Lernverhalten der Nutzer zusammenstellt, ähnlich wie ein Streamingdienst Filme vorschlägt. Der Unterschied zum klassischen Learning Management System (LMS) liegt in der Steuerung. Ein LMS verwaltet Pflichtschulungen und dokumentiert, wer welchen Kurs abgeschlossen hat. Ein LXP überlässt einen Teil dieser Entscheidung den Lernenden selbst.
Was ein LMS von einer Lernplattform mit Empfehlungslogik unterscheidet
Ein LMS entstand aus der betrieblichen Pflicht, Schulungen nachweisbar zu machen: Wer hat den Brandschutzkurs abgeschlossen, wer die Datenschutzunterweisung? Diese Systeme ordnen Kurse in feste Kataloge, vergeben Zertifikate und erzeugen Berichte für Personalabteilung und Aufsicht. Ein LXP baut auf diesen Daten auf, verändert aber die Perspektive. Statt einen Kurs zuzuweisen, schlägt die Plattform Inhalte vor, die zum bisherigen Lernpfad, zur Rolle im Unternehmen oder zu Kollegen mit ähnlichen Aufgaben passen. Anbieter wie 360Learning oder Docebo verkaufen genau diese Empfehlungslogik als ihr Hauptargument gegenüber reinen LMS-Anbietern.
In der Praxis ersetzt das eine selten das andere vollständig. Die meisten Unternehmen betreiben ihr LMS für Pflichtschulungen weiter und legen die LXP als zusätzliche Schicht für freiwilliges, selbstgesteuertes Lernen darüber.
Wie Punkte, Abzeichen und Ranglisten die Nutzung erhöhen
Gamification überträgt Spielmechaniken auf einen eigentlich spielfremden Zusammenhang. In einer LXP heißt das meist: Wer ein Modul abschließt, sammelt Punkte. Wer eine bestimmte Punktzahl erreicht, bekommt ein digitales Abzeichen für sein Profil. Wer im Team zu den aktivsten Lernenden gehört, taucht in einer Rangliste auf, die alle Kollegen sehen können. Docebo und 360Learning bieten diese drei Elemente serienmäßig an.
Der Effekt ist derselbe, den Sprachlern-Apps wie Duolingo mit ihren täglichen Lernserien bekannt gemacht haben: Eine sichtbare, vergleichbare Zahl macht aus einer vagen Absicht eine konkrete, leicht zu verfolgende Aufgabe. In einem Unternehmen kommt ein zweiter Effekt dazu, der bei einer privaten App fehlt. Die Rangliste ist unter Kollegen sichtbar, und der soziale Vergleich motiviert zusätzlich, auch wenn er bei manchen Mitarbeitenden eher Druck als Ansporn erzeugt. Firmen, die Ranglisten einsetzen, sollten deshalb eine Option zum Ausblenden anbieten.
Warum soziales Lernen Erfahrungswissen sichtbar macht
Nicht jedes Wissen lässt sich in einen Kurs packen. Wie eine erfahrene Vertriebsmitarbeiterin auf einen bestimmten Einwand reagiert oder welcher Kniff bei einer bestimmten Maschine hilft, steht in keinem Lehrplan, sondern nur im Kopf der Person, die es täglich macht. Learning Experience Plattformen bilden dafür Diskussionsforen, Gruppenaufgaben und Peer-Feedback ab, bei dem Lernende sich gegenseitig bewerten und kommentieren. 360Learning stellt diesen kollaborativen Ansatz sogar in den Mittelpunkt seines gesamten Produkts, nicht nur als Zusatzfunktion.
Der Nutzen für das Unternehmen ist unmittelbar. Wissen, das sonst mit einer kündigenden Fachkraft verloren ginge, bleibt in Kommentaren, Antworten und bewerteten Beiträgen erhalten, durchsuchbar für alle, die später dieselbe Frage haben.
Was vor der Einführung einer Lernplattform zu klären ist
Eine LXP kostet mehr als nur die Lizenzgebühr. Sie muss an bestehende Systeme angebunden werden, etwa an die Personalverwaltung, damit Rollen und Abteilungen für die Empfehlungslogik überhaupt bekannt sind. Diese Anbindung bindet IT-Ressourcen, oft über Monate.
Dazu kommt eine Datenschutzfrage, die bei einem reinen LMS kaum auftritt. Eine Empfehlungslogik funktioniert nur, wenn die Plattform verfolgt, welche Inhalte ein Mitarbeiter anschaut, wie lange, und wie er im Vergleich zu Kollegen abschneidet. Diese Daten sind personenbezogen und müssen entsprechend der DSGVO verarbeitet werden, üblicherweise mit Einbindung des Betriebsrats, sobald Leistungsvergleiche zwischen Mitarbeitenden sichtbar werden. Wer eine Rangliste einführt, sollte diese Frage vor dem Kauf klären und nicht erst, wenn die ersten Beschwerden kommen.
Häufig gestellte Fragen
Was unterscheidet eine Learning Experience Plattform von einem klassischen Learning Management System?
Ein Learning Management System, kurz LMS, verwaltet Pflichtschulungen und dokumentiert, wer welchen Kurs abgeschlossen hat, mit fest zugewiesenen Kursen. Eine Learning Experience Plattform, kurz LXP, baut auf diesen Daten auf, schlägt Inhalte aber passend zum Lernpfad und zur Rolle im Unternehmen vor, ähnlich wie ein Streamingdienst Filme vorschlägt. Die meisten Unternehmen betreiben beide Systeme parallel.
Welche Spielmechaniken setzen Anbieter wie 360Learning und Docebo typischerweise ein?
Docebo und 360Learning bieten serienmäßig Punkte für abgeschlossene Module, digitale Abzeichen ab einer bestimmten Punktzahl und Ranglisten an, die die aktivsten Lernenden im Team sichtbar machen. Der Effekt ähnelt dem von Sprachlern-Apps wie Duolingo, verstärkt sich in einem Unternehmen aber zusätzlich durch den sozialen Vergleich unter Kollegen.
Muss der Betriebsrat einer Lernplattform mit Rangliste zustimmen?
Ja, sobald eine Rangliste Leistungsvergleiche zwischen Mitarbeitenden sichtbar macht, verarbeitet die Plattform personenbezogene Daten, die nach der DSGVO und insbesondere nach Artikel 88 geregelt sind. In der Praxis wird der Betriebsrat deshalb üblicherweise eingebunden, bevor ein Unternehmen eine solche Funktion aktiviert.
Was passiert mit Erfahrungswissen, das nicht in einem Kurs steht?
Learning Experience Plattformen bilden dafür Diskussionsforen, Gruppenaufgaben und Peer-Feedback ab, bei dem Lernende sich gegenseitig bewerten und kommentieren. 360Learning stellt diesen kollaborativen Ansatz sogar in den Mittelpunkt seines Produkts, sodass Wissen einer ausscheidenden Fachkraft in durchsuchbaren Kommentaren und Beiträgen erhalten bleibt.
