Künstliche Intelligenz erzeugt heute Bilder, Musikstücke und sogar dreidimensionale Objekte, die menschlichen Werken oft täuschend ähnlich sehen. Möglich macht das eine Technik namens maschinelles Lernen: Software analysiert tausende vorhandene Kunstwerke, leitet daraus Muster ab und wendet sie auf neue Motive an. Ob das Ergebnis als Kunst gilt und wem die Rechte daran gehören, ist rechtlich bis heute nicht einheitlich geklärt.
The Next Rembrandt entstand aus 168.000 gescannten Bildfragmenten
Ein Team aus Microsoft, der TU Delft, dem Mauritshuis-Museum und dem Rembrandt-Haus in Amsterdam stellte 2016 ein neues Gemälde im Stil des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn vor, finanziert von der Bank ING. Die Beteiligten nannten das Projekt The Next Rembrandt. Es entstand nach 18 Monaten Entwicklungsarbeit.
Die Grundlage bildete Rembrandts gesamtes bekanntes Werk von 346 Gemälden. Daraus gewannen die Entwickler per 3D-Scan und digitaler Bildanalyse 168.000 einzelne Bildfragmente und werteten sie Pixel für Pixel aus. Ein Algorithmus zur Gesichtserkennung bestimmte anhand dieser Daten sogar das wahrscheinlichste Motiv: einen hellhäutigen Mann zwischen 30 und 40 Jahren, mit Bart, schwarzer Kleidung, weißem Kragen und Hut, im Halbprofil nach rechts blickend. Es war das Motiv, das in Rembrandts Werk am häufigsten vorkam.
Ein 3D-Drucker druckte das fertige Bild anschließend in dreizehn Schichten Spezialfarbe, um Leinwand, Grundierung und Pinselstriche nachzubilden. Die Textur der Pinselstriche stammte aus Röntgenaufnahmen echter Rembrandt-Gemälde. Bei der Vorstellung im April 2016 konnten selbst Kunstkenner das Ergebnis kaum von einem echten Rembrandt unterscheiden.
Edmond de Belamy erzielte 2018 bei Christie's 432.500 US-Dollar
Das Auktionshaus Christie's versteigerte 2018 in New York erstmals ein von künstlicher Intelligenz erzeugtes Bild. Das Porträt mit dem Titel Edmond de Belamy erzielte 432.500 US-Dollar, mehr als das Vierzigfache der ursprünglichen Schätzung von 7.000 bis 10.000 Dollar.
Hergestellt hatte das Bild das Pariser Kollektiv Obvious, bestehend aus Hugo Caselles-Dupré, Pierre Fautrel und Gauthier Vernier. Sie trainierten ein sogenanntes Generative Adversarial Network, kurz GAN, ein Modell aus zwei gegeneinander antretenden neuronalen Netzen, mit 15.000 Porträts aus der Zeit zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert. Signiert ist das fertige Bild nicht mit einem Namen, sondern mit einem Ausschnitt der mathematischen Formel, nach der der Algorithmus trainiert wurde.
AIVA komponiert seit 2016 Musik und gilt rechtlich als Komponistin
Nicht nur Bilder, auch Musik entsteht inzwischen mit künstlicher Intelligenz. Das luxemburgische Unternehmen AIVA brachte 2016 eine Software auf den Markt, die eigenständig klassische und filmmusikartige Kompositionen schreibt.
2017 registrierte die französische Verwertungsgesellschaft SACEM AIVA unter eigenem Namen als Autorin und Komponistin, so wie sie es auch bei einem Künstlernamen für einen menschlichen Musiker täte. SACEM verwaltet in Frankreich die Rechte von Komponisten und Musikverlagen; die eigentlichen Urheberrechte an den mit AIVA erzeugten Werken liegen weiterhin bei den Menschen, die die Software betreiben und die Kompositionen anmelden.
Wem gehören die Rechte an einem KI-generierten Bild?
Die US-amerikanische Urheberrechtsbehörde entschied im Februar 2023 in einem vielbeachteten Fall, dass rein KI-generierte Bilder keinen eigenständigen Urheberrechtsschutz genießen. Anlass war der Comic Zarya of the Dawn der Künstlerin Kris Kashtanova, der Bilder aus dem Programm Midjourney enthielt. Die Behörde schützte den von Kashtanova selbst verfassten Text sowie die Anordnung der Bilder, nicht aber die Bilder selbst, weil dafür laut ihrer Begründung die erforderliche menschliche Urheberschaft fehlte.
Auch die Frage, mit welchen Bildern die zugrunde liegenden Modelle trainiert werden dürfen, ist umstritten. Die Bildagentur Getty Images verklagte den Anbieter Stability AI 2023 sowohl in Großbritannien als auch in den USA, weil dieser nach Gettys Darstellung mehr als 12 Millionen urheberrechtlich geschützte Fotos ohne Lizenz zum Training der Software Stable Diffusion genutzt habe. Der britische High Court wies die zentrale Urheberrechtsklage im November 2025 größtenteils ab und stellte fest, dass die trainierten Modellgewichte selbst keine Kopie der Fotos im Sinne des Urheberrechts seien. Getty legte gegen diesen Teil des Urteils Berufung ein, das Verfahren in den USA lief Mitte 2026 noch weiter.
Wozu nutzen Künstler künstliche Intelligenz in der Praxis?
Neben eigenständigen Werken setzen viele Künstler künstliche Intelligenz auch als Werkzeug innerhalb eines menschengeführten Prozesses ein. Bildgeneratoren wie Midjourney, DALL-E von OpenAI oder das quelloffene Stable Diffusion erzeugen auf Zuruf Bildentwürfe, die Künstler anschließend überarbeiten, kombinieren oder als Ausgangspunkt für ein handgemaltes Bild nutzen. In der Musik übernehmen vergleichbare Werkzeuge repetitive Aufgaben wie das Erstellen erster Akkordfolgen, sodass mehr Zeit für die eigentliche Komposition bleibt.
Die Technik ist ausgereift, die rechtlichen Fragen sind es nicht
Projekte wie The Next Rembrandt und Edmond de Belamy zeigen, dass Software heute überzeugende Bilder im Stil vergangener Künstler erzeugen kann. Ob ein solches Werk rechtlich als eigenständige Schöpfung zählt und wessen Bilder zum Training verwendet werden durften, ist damit noch nicht beantwortet: Die Entscheidungen zu Zarya of the Dawn und zu Getty Images gegen Stability AI stammen aus den vergangenen Jahren und werden zum Teil noch angefochten. Für einzelne Künstler bleibt die Technik deshalb vor allem ein Werkzeug, so wie zuvor schon Kamera oder Bildbearbeitungssoftware. Wie sie rechtlich einzuordnen ist, entscheidet sich gerade erst.
Häufig gestellte Fragen
Kann eine künstliche Intelligenz rechtlich als Urheber eines Kunstwerks gelten?
Nein, nach Auffassung der US-amerikanischen Urheberrechtsbehörde benötigt ein Werk menschliche Urheberschaft, um Copyright-Schutz zu genießen. Das entschied die Behörde 2023 im Fall des Comics Zarya of the Dawn, dessen KI-generierte Bilder deshalb keinen eigenen Schutz erhielten.
Was war das Projekt The Next Rembrandt?
The Next Rembrandt war ein 2016 vorgestelltes Gemälde im Stil Rembrandt van Rijns, das ein Team von Microsoft, der TU Delft und zwei Amsterdamer Museen mithilfe von maschinellem Lernen und einem 3D-Drucker erschuf. Die Software hatte zuvor Rembrandts komplettes bekanntes Werk aus 346 Gemälden analysiert.
Wie viel kostete das erste bei Christie's versteigerte KI-Kunstwerk?
Das Porträt Edmond de Belamy erzielte 2018 bei Christie's in New York 432.500 US-Dollar. Das Kollektiv Obvious hatte es mit einem GAN erzeugt, das auf 15.000 historischen Porträts trainiert worden war.
Darf KI-Software mit urheberrechtlich geschützten Bildern trainiert werden?
Das ist rechtlich umstritten und wird derzeit in mehreren Verfahren verhandelt. Der britische High Court wies eine entsprechende Klage von Getty Images gegen Stability AI im November 2025 größtenteils ab, während ein paralleles Verfahren in den USA Mitte 2026 noch offen war.
